Sprachinseln


 

Self-portrait 

(Pittsburgh, Rosebud, 1991) 

 

my old image is sitting 

opposite of me 

in jeans and a long-sleeved shirt 

it is resting on its elbows 

laughing and looking at me puzzled 

I have crouched myself opposite of it 

sunken deep into my own skin 

I can answer its stare for hours 

and look puzzled at it, too 

but I cannot get out 

cannot even leave or go away 

to some other place 

yet I would like so much to escape its contour 

to tear myself away from its shadow 

in order to stop running after 

my Self on my image's beaten paths.

Selbstportrait

(Pittsburgh, Rosebud, 1991)

 

mir gegenüber sitzt

mein altes Spiegelbild

in Jeans und langen Hemdsärmeln

hat sich auf seine Ellenbogen gestützt

lacht und sieht mir fragend zu

ihm gegenüber hocke ich

so tief in meiner Haut

kann seinem Blick stundenlang

begegnen und zurückfragen

doch raus kann ich nicht

kann nicht einmal weg fort

an irgendeinen anderen Ort

würde dabei so gerne seiner Kontur

entfliehen mich seinem Schatten entreißen

um nicht mehr auf seinen ausgetretenen

Pfaden meinem Ich hinterherzulaufen.

 

Sprachinseln  -- das sind nichts anderes als Worte zu Texten verarbeitet. Dabei erhalten diese Texte Formen, die teils Gedicht, teils Aphorismus, teils Epigramm, teils Prosa sind. Ein ehemaliger DDR-Schriftsteller und Lyriker behauptete einst, diese Machwerke wären keine Gedichte, ein anderer wiederum konnte gerade noch an sich halten, um sie nicht selber als Gedichtband herauszugeben.

Was sind sie also, diese Sprachinseln?

Für mich sind sie Inseln, die aus Sprache bestehen und innerhalb der Sprache ihre Orientierung und ihren Wert finden. Es sind Formen des Selbstgespräches, Versuche eines Verständnisses, ein Hinterfragen von Verständlichem und Unverständlichem -- kurzum der Versuch, in prägnanter Form (sprich: Kürze) Gedanken, Empfindungen, Fragen, Gefühle wieder zu geben oder zumindest den Versuch zu wagen, sich mit ihnen anderweitig als in der Stille auseinander zu setzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich habe sie hier auf diesen Seiten hingestellt, damit Freunde und Bekannte Zugang zu ihnen haben können (da der Großteil von ihnen in Europa ist, während ich hier in den Staaten bin). Für Anregungen oder Kommentare bin ich jeder Zeit dankbar und offen. Ansonsten wünsche ich ein angenehmes Blättern und gute Unterhaltung beim Lesen.

Dieter Waeltermann (mit Lorca, 1.5.1994-3.4.2007)

Wexford/PA im Juni 2001

E-mail: dieter@trans-link.com

Bücher/Books:

Unterwegs: Zwischenstationen einer Flucht vor Schatten

Stolen Moments

Einzelwerke/Individual poems:

Sleeping with demons

Centered

Ecken und Kanten

Covered bridge

Sprachliches Labyrinth

Auf Umwegen

Voices

Die Flasche

Turm im Wind

so häßlich

Still waltzing

Zeit

Where is Sarah

Storm watch

Fen

Blue Guitars

(v)erinnerter dialog — (V)eraeusserter Monolog

Language

Homage to conscience

Dal segno

Beyond silence

Ulysses